Katrin Köster

Sonntag 29.Juli - 17:19 Uhr

Tusnelda vor der Wand 2


 

Tusnelda hatte lange in die Dunkelheit hinein gestarrt. Wie Wellen kam immer wieder Furcht über sie um im Zurückrollen eine nie vorher gespürte Leere bloßzulegen. Es war nicht die Furcht vor der Dunkelheit, sondern vor ihrer Entscheidung nun vor der Wand zu sitzen mit allen Konsequenzen. Hier gab es keinen Rückhalt mehr in vorgeformten Ideen und durchgereichten Gedanken. Sie wollte die Dinge selber ordnen, ihnen ein neues Gesicht geben. Und sie wollte auf jemanden warten, der mit ihr sprechen würde. Der Rückhalt war nun die weiße Wand. Je länger sie dort saß, desto häufiger tauchten unscharfe Bilder authentischer Erfahrungen und unmittelbar erlebter Empfindungen auf. Sie waren frei von Beurteilung und die daraus entstehenden Gedanken unterschieden sich für Tusnelda deutlich von denen, die sie sonst hatte. Manche verbanden sich zu Ideen und waren oft roh, ließen sich weder in eine Ordnung einfügen noch strebten sie Lösungen für Fragen an. Trotzdem liebte und pflegte Tusnelda sie, damit sie überlebten, denn gerade dass wäre in ihrer bisherigen Welt hinter der Wand sicher schwierig gewesen. Hier aber war schon durch den Mut, sich ins Nichts zu setzen, alles möglich.

Sie saß bereits lange unbeweglich vor der Wand, als sie zum ersten mal ein Huschen bemerkte. Es war nur eine kurze Abschattung des Lichts in dem sie saß, ein Flackern der Laterne. Wenig später spürte sie einen leichten Wind auf der Haut, nicht mehr als wäre es der Flügelschlag eines kleinen Vogels. Diesmal überschwemmte sie die Furcht wie Wellen einer Springflut. 'Meine Gedanken sind noch keine Überzeugungen', dachte sie panisch. 'Der Zustand ist noch unreif. Ich kann nicht einmal wirklich einen Unterschied machen zur Welt hinter der Wand. Ich bin nur in einem Zustand kitschiger Überheblichkeit und werde gleich jemanden damit betrügen. Ich will weder Lehrer noch Schüler sein. Alle die sich von meinem vor der Wand sitzen angezogen fühlen, sind eigentlich von mir verleitet und werden abgelenkt von ihrer eigenen Wand. Sie werden denken, ich wolle Buddha zitieren und mich anmaßend finden, mich verspotten oder sich gelangweilt und vielleicht auch angewidert abwenden.“

Die Befürchtungen türmten sich in Tusnelda zu einem ohrenbetäubenden Geschrei auf. Sie vergaß dabei, auf die zarte Anwesenheit zu achten, die sie eben erst wahrgenommen hatte. Aber auch das Geschrei verstummte nach und nach und wurde von dem Gedanken verdrängt, das all das nun mal die Gefahr sei, der sie sich hier im Nichts aussetzen würde. Es sei leicht wieder hinter die Wand zurückzuklettern und ausgetretene Ideen und Überzeugungen weiterzureichen.

Tusnelda blieb sitzen und als sie feststellte, dass sie jetzt mit gesteigerter Aufmerksamkeit in die Dunkelheit starrte gewährte sie sich lächelnd den Aufstieg ins nächste Level. 

„Klug sollst du sein und wenn du‘s noch nicht bist, musst du‘s werden.“

 


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Freitag 27.Juli - 14:28 Uhr

Tusnelda vor der Wand 1

An einem Abend fasste Tusnelda den Entschluss, die Wand ihres Zimmers hinaufzuklettern, um über die obere Kante zu sehen. 

Schon seit Tagen hatte sie immer wieder diesen Gedanken, der zunehmend drängte und Zweifel brutal niederschrie. Nun, da sie nachgegeben hatte, war nur noch die Art und Weise wichtig. Je mehr der Wunsch, über die obere Kante sehen zu wollen, Besitz von Tusnelda ergriff, desto weniger Hindernisse schienen ihr im Weg zu sein. Da war jetzt ein Tisch, dann ein Stuhl auf dem Tisch und die Wand selbst änderte ihre Gestalt, als wollte sie Tusnelda entgegenkommen. Die Kante, wo Wand und Zimmerdecke aufeinander stießen, dort, wo manchmal kleine Spinnlein laufen, war schon in dem Moment nicht mehr vorhanden, als sie mitsamt der Decke aus Tusneldas Bewußtsein verschwunden war. Das Ende der Wand war nur noch ein Übergang und Ausblick. Sie sah zur Seite und entdeckte sich selbst wie in einem Spiegel. Die andere Tusnelda erwiderte ihren Blick aber sie stieg einen Baum hinauf. Mit sicheren, ruhigen Bewegungen griff sie dort den nächsten Ast, den Plan für den darauffolgenden Tritt schon im Kopf.

Über der Wand tauchte der nächtliche Sternenhimmel auf, kühl und verlockend wie Wasser an einem heißen Sommertag. Auch als Tusnelda rittlings auf der Wand saß, war jenseits davon nichts als dieser dunkle Himmel. Gleißend weiß war Tusneldas Wand da hineingeschnitten. Sie blickte nicht mehr zurück in ihr Zimmer, aber dessen Bild schob sich dennoch über die Nacht, die Requisiten ihrer trotzigen Flucht, der Tisch, der Stuhl.

„Jetzt passiert zum ersten mal, was immer wieder geschehen wird“, dachte sie als sie bereits im Sprung war.

 

 

 

Die Wand steht weiß und grell im Nachthimmel von einer diffusen Laterne angestrahlt. „Unzählige solcher Wände gibt es auf der Welt“, denkt Tusnelda, „einsame Orte im Niemandsland. Ich habe nur mich selbst mitgenommen, sonst nichts.“ Der Schreck dieses Gedankens kühlt nach einem Moment der Panik. Sie setzt sich vor die Wand, legt die Hände in den Schoß und lehnt sich zurück.

„Hier beginnt die Geschichte. Jetzt muss ich nur noch warten.“


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