Mittwoch 15.August - 09:35 Uhr
Tusnelda vor der Wand 3
Tusnelda konzentrierte sich angestrengt auf die Dunkelheit und die Geräusche in ihr, aber es vergingen Stunden, ohne dass etwas anderes als sie selbst sich bewegte. Enttäuschung schlich sich in ihre Gedanken und der Wunsch, dass das, was sich ihr genähert hatte, bitte wiederkommen möge. Diesmal würde sie es nicht vertreiben. Tusneldas Sinne waren so sehr auf das Andere gerichtet, dass sie sich nach einiger Zeit selbst vor der weißen Wand sitzen sah. Sie betrachtete ihre eigene Gestalt, die etwas zusammengesunken unter der hellen Lampe saß, regungslos. Sie sah sich selbst und war das fremde Andere im Dunkeln auf das sie hoffte.
Plötzlich hob Tusnelda den Kopf und suchte aufmerksam ihre schwarze Umgebung ab. Ihre Augen waren weit geöffnet, flehten um einen winzigen Blick auf etwas Neues, Fremdes, und sie sah dadurch verloren und einsam aus. Jetzt, wo sie das Andere suchte, war jeder Moment der Gelassenheit den es zuvor schon gegeben hatte, weggewischt. Sie schien das Andere unbedingt zu brauchen, nun da sie Hoffnung daran klammerte. Sie beobachtete sich selbst, wie der suchende Blick nach langer Zeit die Anspannung verlor und sich auf Unendlich fokusierte. Tusnelda sah sich selbst so offenkundig hilflos und in kindlicher Erwartung vor der Wand sitzen, dass sie lachen musste.
Da hat jemand gelacht! Sofort waren alle Sinne auf den Punkt in der Dunkelheit gerichtet, aus dem das Lachen kam. Der Wechselstrom zwischen Scham und Freude ließ Tusnelda aufspringen und einen Schritt nach vorne machen, aber den Kegel der Lampe wollte sie nicht verlassen. Das tiefe Schwarz jenseits des Lichtkreises war wie die Verheißung, im Dunklen eine Treppe hinunter zu stürzen. Und dann stand sie still mit herabhängenden Armen, denn hatte dieses Lachende sie nicht schon die ganze Zeit über beobachtet, um nun das vernichtende Urteil der Lächerlichkeit über sie zu fällen? Sie sah sich selbst, wie sie im grellen Licht voller Bestürzung vor einem Richter steht, selbst blind, und jetzt möchte sie sich etwas zurufen, ein paar Worte der Beruhigung, vielleicht Trost. Aber das Gefühl der Anteilnahme bleibt in der Kehle stecken, denn sie sieht sich, wie sie sich räuspert.
Was nun geschieht, schnell und unaufhaltsam, kommt der Panikreaktion eines Tieres gleich. Tusnelda springt gegen die Wand, zappelt mit Armen und Beinen, greift die obere Kante und ist mit einem Schwung darüber verschwunden. Langsam klärt sich der Lichtkegel vom aufgewirbelten Staub und sie schaut fassungslos auf ihre eigene Abwesenheit, eine leere weiße Wand, ein verlassener Platz.
,Natürlich habe ich irgendwann auch mal Hunger‘, denkt Tusnelda trotzig. ,Ich will mir nur einen Apfel holen. Glaubt ihr denn, dieser ganze Kampf um das Eigene, um den es hier geht, muss nicht manchmal auch mit profaner Nahrung gefüttert werden? Ich habe einen Tisch, einen Stuhl, ein Messer, einen Apfel und kein Fenster. Alles das benutze ich jetzt, nur kein Fenster kann ich nicht benutzen, denn was man nicht hat kann man nicht benutzen. Herauschauen geht nicht, ich kann nur über die Wand springen auf die andere Seite, und das es da so dunkel ist habe ich erwartet, aber es zu erleben ist noch mal was anderes. Da muss ich in mir selbst alles finden, was ich benutzen kann. Immer habe ich das Gefühl, es ist eigentlich alles da. Dort ist kein Nicht-Fenster. Beweisen kann ich das nicht. Noch nicht. Ob ich einen Anderen brauche, um alles zu finden, - weiß ich nicht. Wahrscheinlich, und das ist dummerweise auch das Schwierigste. Das ist das echte Nicht-Da. Klug zu werden ist nicht leicht. Ich muss etwas benutzen, das ich nicht habe, - vielleicht. Ich muss etwas finden, von dem ich nicht weiß, ob es das gibt‘
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Sonntag 29.Juli - 17:19 Uhr
Tusnelda vor der Wand 2
Tusnelda hatte lange in die Dunkelheit hinein gestarrt. Wie Wellen kam immer wieder Furcht über sie um im Zurückrollen eine nie vorher gespürte Leere bloßzulegen. Es war nicht die Furcht vor der Dunkelheit, sondern vor ihrer Entscheidung nun vor der Wand zu sitzen mit allen Konsequenzen. Hier gab es keinen Rückhalt mehr in vorgeformten Ideen und durchgereichten Gedanken. Sie wollte die Dinge selber ordnen, ihnen ein neues Gesicht geben. Und sie wollte auf jemanden warten, der mit ihr sprechen würde. Der Rückhalt war nun die weiße Wand. Je länger sie dort saß, desto häufiger tauchten unscharfe Bilder authentischer Erfahrungen und unmittelbar erlebter Empfindungen auf. Sie waren frei von Beurteilung und die daraus entstehenden Gedanken unterschieden sich für Tusnelda deutlich von denen, die sie sonst hatte. Manche verbanden sich zu Ideen und waren oft roh, ließen sich weder in eine Ordnung einfügen noch strebten sie Lösungen für Fragen an. Trotzdem liebte und pflegte Tusnelda sie, damit sie überlebten, denn gerade dass wäre in ihrer bisherigen Welt hinter der Wand sicher schwierig gewesen. Hier aber war schon durch den Mut, sich ins Nichts zu setzen, alles möglich.
Sie saß bereits lange unbeweglich vor der Wand, als sie zum ersten mal ein Huschen bemerkte. Es war nur eine kurze Abschattung des Lichts in dem sie saß, ein Flackern der Laterne. Wenig später spürte sie einen leichten Wind auf der Haut, nicht mehr als wäre es der Flügelschlag eines kleinen Vogels. Diesmal überschwemmte sie die Furcht wie Wellen einer Springflut. 'Meine Gedanken sind noch keine Überzeugungen', dachte sie panisch. 'Der Zustand ist noch unreif. Ich kann nicht einmal wirklich einen Unterschied machen zur Welt hinter der Wand. Ich bin nur in einem Zustand kitschiger Überheblichkeit und werde gleich jemanden damit betrügen. Ich will weder Lehrer noch Schüler sein. Alle die sich von meinem vor der Wand sitzen angezogen fühlen, sind eigentlich von mir verleitet und werden abgelenkt von ihrer eigenen Wand. Sie werden denken, ich wolle Buddha zitieren und mich anmaßend finden, mich verspotten oder sich gelangweilt und vielleicht auch angewidert abwenden.“
Die Befürchtungen türmten sich in Tusnelda zu einem ohrenbetäubenden Geschrei auf. Sie vergaß dabei, auf die zarte Anwesenheit zu achten, die sie eben erst wahrgenommen hatte. Aber auch das Geschrei verstummte nach und nach und wurde von dem Gedanken verdrängt, das all das nun mal die Gefahr sei, der sie sich hier im Nichts aussetzen würde. Es sei leicht wieder hinter die Wand zurückzuklettern und ausgetretene Ideen und Überzeugungen weiterzureichen.
Tusnelda blieb sitzen und als sie feststellte, dass sie jetzt mit gesteigerter Aufmerksamkeit in die Dunkelheit starrte gewährte sie sich lächelnd den Aufstieg ins nächste Level.
„Klug sollst du sein und wenn du‘s noch nicht bist, musst du‘s werden.“
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Freitag 27.Juli - 14:28 Uhr
Tusnelda vor der Wand 1
An einem Abend fasste Tusnelda den Entschluss, die Wand ihres Zimmers hinaufzuklettern, um über die obere Kante zu sehen.
Schon seit Tagen hatte sie immer wieder diesen Gedanken, der zunehmend drängte und Zweifel brutal niederschrie. Nun, da sie nachgegeben hatte, war nur noch die Art und Weise wichtig. Je mehr der Wunsch, über die obere Kante sehen zu wollen, Besitz von Tusnelda ergriff, desto weniger Hindernisse schienen ihr im Weg zu sein. Da war jetzt ein Tisch, dann ein Stuhl auf dem Tisch und die Wand selbst änderte ihre Gestalt, als wollte sie Tusnelda entgegenkommen. Die Kante, wo Wand und Zimmerdecke aufeinander stießen, dort, wo manchmal kleine Spinnlein laufen, war schon in dem Moment nicht mehr vorhanden, als sie mitsamt der Decke aus Tusneldas Bewußtsein verschwunden war. Das Ende der Wand war nur noch ein Übergang und Ausblick. Sie sah zur Seite und entdeckte sich selbst wie in einem Spiegel. Die andere Tusnelda erwiderte ihren Blick aber sie stieg einen Baum hinauf. Mit sicheren, ruhigen Bewegungen griff sie dort den nächsten Ast, den Plan für den darauffolgenden Tritt schon im Kopf.
Über der Wand tauchte der nächtliche Sternenhimmel auf, kühl und verlockend wie Wasser an einem heißen Sommertag. Auch als Tusnelda rittlings auf der Wand saß, war jenseits davon nichts als dieser dunkle Himmel. Gleißend weiß war Tusneldas Wand da hineingeschnitten. Sie blickte nicht mehr zurück in ihr Zimmer, aber dessen Bild schob sich dennoch über die Nacht, die Requisiten ihrer trotzigen Flucht, der Tisch, der Stuhl.
„Jetzt passiert zum ersten mal, was immer wieder geschehen wird“, dachte sie als sie bereits im Sprung war.

Die Wand steht weiß und grell im Nachthimmel von einer diffusen Laterne angestrahlt. „Unzählige solcher Wände gibt es auf der Welt“, denkt Tusnelda, „einsame Orte im Niemandsland. Ich habe nur mich selbst mitgenommen, sonst nichts.“ Der Schreck dieses Gedankens kühlt nach einem Moment der Panik. Sie setzt sich vor die Wand, legt die Hände in den Schoß und lehnt sich zurück.
„Hier beginnt die Geschichte. Jetzt muss ich nur noch warten.“
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